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Eine wahre Geschichte

Diese ist die Geschichte der Freundin einer Freundin, die ihre demente Mutter schon seit ein paar Jahren zu Hause betreute.

Der Umgang mit dementen, pflegebedürftigen Angehörige daheim stellt für viele Familien eine schwere Belastung dar. Es ist nicht leicht, die eigene Mutter, den eigenen Vater in dieser hilflosen Rolle zu erleben, sie komplett zu versorgen und die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen.

 

Demente Menschen genesen nicht. Der Grad ihrer Verwirrung nimmt im Verlauf zu und gleichzeitig nimmt die Beziehung zum eigenen Körper ab. Diese Krankheit kann mit entsprechender Medikation lange Zeit hinaus gezögert werden. Doch der Prozess ist schleichend, mehr und mehr sind die Betroffenen auf Unterstützung von außen angewiesen.

 

Es ist eine große Herausforderung in dieser Situation als Helfende bzw. Helfender respektvoll mit dem zu betreuenden Menschen umzugehen. Das braucht Gelassenheit, Liebe und Respekt für jeden Menschen. 

 

In der Geschichte der Freundin einer Freundin, wurde die Belastung für die Angehörigen irgendwann zu groß und die Familie war dankbar für die Unterstützung durch polnische 24-Stunden-Kräfte.

 

Gleich zu Beginn der Corona-Krise kehrten die Pflegekräfte zurück in ihre Heimat, um ihren Familien beizustehen und sich selbst zu schützen. Verständliche Beweggründe, durch die nur leider die Freundin einer Freundin in eine ausweglose Situation geriet. Was also tun?

 

Tatsächlich war ein Platz in einem Seniorenheim frei. Übrigens… in „coronafreien“ Zeiten, ist das ein sehr seltener „Glücksfall“. Eine schwierige Entscheidung musste gefällt werden. Nach einer Besichtigung und freundlichen Gesprächen im Haus war es dann soweit: die Mutter bezog ein Zimmer im Seniorenheim.

 

Die Freundin einer Freundin tröstete sich mit dem Gedanken, dass die Grundversorgung gewährleistet wäre und dass sie und ihr Bruder von nun an mehr qualitative Zeit mit der Mutter verbringen würden.

 

Drei Tage später erkrankten Bewohner des Seniorenheimes an Covid 19.

 

Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Mundschutz und Schutzkleidung war angesagt.

Alle Bewohnerinnen und Bewohner und auch das Pflegeteam befanden sich plötzlich in Quarantäne.

Kein Rein, kein Raus.

Kontaktsperre.

 

Zum Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner.

 

Es hat ungefähr eine Woche gedauert, bis der Bruder der Freundin einer Freundin mit einer Sondererlaubnis doch noch die Mutter besuchen durfte. Unter Einhaltung aller gegebenen Schutzmaßnahmen begegnete er seiner Mutter, deren Grad der Verwirrtheit sich innerhalb einer Woche extrem verschlechtert hatte.

 

Sie reagierte verwundert, orientierungslos in der sie umgebenden Vermummungsszenerie.

Ihren Wunsch, nach Hause gehen zu können, konnte der Sohn leider nicht erfüllen.

Die demente Mutter reagierte mit der Verweigerung von Nahrungsaufnahme. Zwei Wochen später starb sie. Allein.  

 

Sie war nicht an Corona gestorben und auch nicht aufgrund ihrer Demenz! Sehr wohl aber an den Folgen der Isolationsmaßnahmen.

 

Warum ich ausgerechnet diese Geschichte erzähle? Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, unser Pflegesystem von Grund auf zu reformieren.

Wir brauchen kleinere Wohngruppen für betagte und auch demente Menschen. Wir benötigen statt großer Senioreneinrichtungen, familiär orientierte Wohnhäuser. Wir benötigen mehr Pflegekräfte für die zu Betreuenden, um auf die individuellen Bedürfnisse eingehen zu können. Wir brauchen eine wesentlich besser aufgestellte soziale und gesundheitsorientierte Pflege in den sogenannten Alteneinrichtungen.

Nicht die Alten sind das Risiko, sondern das System, das sie umgibt. 

 

Wir müssen damit beginnen, nicht mehr ausschließlich gewinnorientiert zu leben.

Es geht um unsere Gesellschaft, es geht um soziale Gerechtigkeit, es geht um Liebe.    


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Kommentare: 4
  • #1

    Ilona (Mittwoch, 22 April 2020 14:21)

    Wir benötigen bessere Bezahlung der Pflegekräfte.

  • #2

    Bine (Mittwoch, 22 April 2020 16:43)

    Fuck the System

  • #3

    Katrin (Donnerstag, 23 April 2020 07:51)

    Eine berührende Geschichte! Die Altenpflege in D ist oftmals nicht mehr als das Wort ausdrückt: die Pflege von alten Menschen, nicht mehr.

  • #4

    Andrea (Donnerstag, 23 April 2020 23:34)

    Im Dezember wurde mir nach langem Warten endlich ein Platz für meinen schwer dementen 85jährigen Vater im Heim meines Vertrauens in Aussicht gestellt... und ich war sooo froh und erleichtert darüber! Im Februar sollte es eigentlich klappen...Den Platz haben wir natürlich immer noch nicht bekommen... und so schlimm und belastend sich unser Alltag derzeit auch gestalten mag ... ich denke in diesen Tagen oft: welches Glück wir doch hatten, dass ihm eine solche Isolationsfolter erspart bleibt...