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Buchempfehlung: „Geh den inneren Weg“

Ein Buch von Willigis Jäger - schon der Einleitungstext lohnt sich…!   

Jenseits von Wort und Weihrauch 

"Religion ist zu vergleichen mit dem Mond, der die Erde erleuchtet, aber seine Kraft von der Sonne bekommt. Er hat aus sich heraus keine eigenen Kraft. Sein leuchten ist nur der Widerschein der Sonne. Wenn der Mond sich zwischen Sonne und Erde schiebt, gibt es eine Sonnenfinsternis, und es wird dunkel auf der Erde. Das Göttliche ist zu vergleichen mit der Sonne. Es strahlt die Religion an, damit sie dem Menschen leuchtet und ihn im Dunkel seines Suchens begleitet. Wenn die Religion sich aber zu wichtig nimmt und sich zwischen Gott und die Menschen schiebt, verdunkelt sie Gott. Es gibt eine Gottesfinsternis. Das gilt für alle Religionen. Während meines langen Aufenthaltes in Japan überraschte mich immer wieder, wie rasch junge Abendländer Buddhisten oder sogar Mönche wurden, sich die Haare scheren ließen und ein schwarzes Gewand anzogen. Sie merkten nicht, dass sie im Grunde genommen nur wieder in ein religiöses System einstiegen.

 

Religionen sind vergleichbar mit Glasfenstern. Sie bleiben dunkel, wenn sie nicht von hinten durch das Licht erhellt werden. Dieses Urlicht ist dem Verstand und den Sinnen nicht greifbar. Im Glasfenster aber bekommt es Struktur und wird für jeden Menschen erkennbar. Wir sollten jedoch nie vergessen, dass nicht das Glasfenster das letzte ist, sondern das Licht das dahinter leuchtet. Religion hat oft die Tendenz, ihre Anhänger auf die Struktur des Fensters festzulegen. Nur wenige sagen ganz offen, dass heilige Schriften, Symbole und Riten nur die Finger sind, die auf den Mond zeigen, aber nicht der Mond (die Wahrheit) selbst. Die Einheit der Religionen kann nie in ihren Aussagen, Bildern, Symbolen und Liturgien liegen, sie liegt in der Erfahrung dessen, was Wortes, Bilder und Riten kundtun wollen. Darum ist die wahre Einheit nur in der Mystik der Religionen zu finden."

 

Aus: "Geh den inneren Weg" von Willigis Jäger, christlicher Zen Meister, * 7. März 1925 in Hösbach; † 20. März 2020



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