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Buchempfehlung: "Die Kuh, die weinte"

Heute findet ihr einen Auszug aus dem Buch von AJAHN BRAHM „Die Kuh, die weinte!“ … bedeutsam und gerade jetzt passend!

Freie Welt

Einer der Mönche meines Klosters erteilte in einem Hochsicherheitsgefängnis nahe Perth wochenlang Meditations-Unterricht.


Die kleine Gruppe hatte den Mönch inzwischen recht gut kennen und achten gelernt. Einmal fragten sie ihn nach dem Unterricht über sein Leben in einem buddhistischen Kloster aus.

 

„Wir stehen jeden Morgen um 4 Uhr auf", begann er. „Das kann manchmal ganz schön kalt sein, da wir keine Heizung in unseren kleinen Zimmern haben. Wir nehmen nur eine Mahlzeit täglich zu uns, und da wird alles in einem Schüsselchen durcheinander gerührt. Nachmittags und abends essen wir gar nichts. Natürlich gibt es weder Sex noch Alkohol. Fernsehen, Radio und Musik haben wir auch nicht. Wir sehen uns nie einen Film an und treiben keinen Sport. Wir reden wenig, arbeiten schwer, und in unserer Freizeit setzen wir uns mit gekreuzten Beinen hin und achten auf unseren Atem. Wir schlafen auf dem Fußboden.“

 

Die Insassen waren von der spartanischen Askese unseres Klosterlebens erschüttert. Daneben kam ihnen ihr Hochsicherheitsgefängnis wie ein Fünf-Sterne-Hotel vor. Einer der Häftlinge war von dem Los des freundlichen Mönchs so betroffen, dass er ganz vergaß, wo er sich befand und rief: „Das Leben in Ihrem Kloster ist ja fürchterlich! Warum ziehen Sie denn nicht zu uns?“

 

Der Mönche erzählte mir, dass das schallendes Gelächter hervorrief. Ich hatte über seine Geschichte auch gelacht. Und dann dachte ich gründlicher darüber nach.
Es stimmt, dass es in meinem Kloster viel spartanischer zugeht als in der strengen Haftanstalt. Dennoch kommen viele Menschen aus freien Stücken hierher und fühlen sich hier wohl. Doch selbst die Leute, die im bequemsten Gefängnis der Welt landen, möchten da raus und sind unglücklich. Weshalb?


Derr Unterschied besteht darin, dass die Bewohner meines Klosters im Gegensatz zu den Gefängnisinsassen dieses Leben selbst gewählt haben. Sie möchten hier sein. Jeder Ort, an dem man/frau sich gegen seinen Willen aufhält, ist ein Gefängnis – und dieses Wort trägt seine Bedeutung schon in sich.

 

Wenn du dich an deinem Arbeitsplatz nicht wohl fühlst, bist du in einem Gefängnis, wenn du in einer Beziehung lebst, in der du nicht sein möchtest, bist du auch in einem Gefängnis. Wenn du wider Willen in einem kranken oder schmerzenden Körper steckst, ist das auch ein Gefängnis für dich. Ein Gefängnis ist eine Situation, in der man/frau sich nicht befinden möchte.

 

Wie kann man/frau sich also aus den vielen Gefängnissen des Lebens befreien? Das geht ganz leicht. Ändere schlichtweg deine Wahrnehmung

in der Situation. Wünsche dir, genau da zu sein, wo du dich derzeit befindest. Sogar San Quentin - oder mein Kloster ist kein Gefängnis für den, der/die sich dort aufhalten möchte. Wenn du deine Wahrnehmung über deinen Job, deine Beziehung oder deinen kranken Körper umdeutest und die Situation akzeptierst, anstatt sie einfach abzulehnen, wird sie dir nicht länger wie ein Gefängnis vorkommen. Wenn du zufrieden bist, bist du frei.  

 

Freiheit bedeutet, immer da zufrieden zu sin, wo man/frau gerade ist. Gefängnis heißt sich woanders hin zu wünschen. Eine freie Welt erlebt derjenige, der/die zufrieden ist. Bei wahrer Freiheit hat man/frau nie Wünsche frei, sondern ist frei von allen Wünschen. 

 

Aus: "Die Kuh, die weinte" von Ajahn Brahm, buddhistischer Mönch


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Kommentare: 1
  • #1

    Martina (Montag, 20 April 2020 14:22)

    Danke, liebe Christiane, für diesen Text.
    Ich empfinde ihn heute wirklich als wertvoll, denn er trifft mich an einem passenden Punkt.
    Wie schön das manchmal ist, dass mich die passenden Worte zum entsprechenden Moment erreichen....
    Lieben Dank und liebe Grüße.